Kunstorientierung

Warum wir uns auch an der Kunst orientieren

Kunst wird einerseits in die konkrete therapeutische Arbeit, andererseits als Basis für ein umfassendes Menschen- und Weltbild einbezogen. Menschen waren schon immer künstlerisch tätig. In allen Völkern wurde gemalt, getanzt, musiziert, Gedichte geschrieben, Geschichten erzählt, Theater gespielt, modelliert und gestaltet. Kunst überbrückt sprachliche und kulturelle Grenzen und ist Kommunikationshilfe, welche auch nonverbale Ausdrucksformen einzusetzen vermag. In der Kunst vereinigen sich Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft auf exemplarische Weise. Beispielsweise verbinden sich der technische Bau eines Klaviers mit dem Unsichtbaren, mit der 'Seele' des Komponisten, wodurch dann eine Klaviermusik entsteht, welche ohne die Technik in Verbindung mit dem Geistigen nicht möglich wäre. Ausserdem hat die Kunst in Heilritualen und spirituellem Erleben verschiedener Völker eine lange Tradition.

Welche Vorteile hat der Einsatz von künstlerischen Medien?

  • In schwerer Krankheit und Leiden versagen häufig die Worte. Malen, Gestalten oder Musizieren kann helfen, den schwierigen Gefühlen trotzdem Ausdruck zu verleihen.
  • Uneffizientes 'Um-den-Brei-Reden' wird vermieden, da zusätzlich zur verbalen Ebene nonverbale Kommunikationsmittel eingesetzt werden.
  • Es werden schnell neue Erfahrungs- und Handlungsräume geschaffen.
  • Handeln steht im Vordergrund. Indem der Patient oder Mitarbeiter an einem Werk oder Spiel arbeitet, erfährt er sich selber als Handelnder mit seinen spezifischen Verhaltensmustern. Analogien zum Alltag werden sichtbar. Was auf dem Papier, im Objekt oder am Instrument möglich wird, kann wie eine Probehandlung wirken, die das reale Verhalten beeinflusst.
  • Spielerisches, künstlerisches Tun ist lustbetont und macht Spass. Es ermöglicht einen direkteren und schnelleren Zugang zu den eigenen Emotionen und fördert die emotionale Intelligenz.
  • Es entstehen sichtbare Resultate. Die Patientin hat auf lustvoll/spielerische Art und Weise etwas geleistet und erfährt so durch ihr Werk Belohnung, was sie in ihren neu erfahrenen Verhaltensweisen bestärkt. Verhaltensweisen und Problemlösungen, die im schöpferischen Arbeiten entdeckt und entwickelt werden, können in das Alltagsverhalten übertragen werden.
  • Die 'Werke' können mit nach Hause genommen werden, wo sie weitere Auseinandersetzungen und integrative Prozesse anregen. Kreative Stimmungen können ansteckend sein. Der Patient wird inspirierend für seine Umgebung.
  • Gemeinsames künstlerisches Tun, wie zB. Theater spielen, Musizieren oder Malen ist ein wirkungsvolles Übungsfeld zur Förderung von Teamgeist.
  • Künstlerisches Tun fördert die Intuition und laterales Denken (produzieren von Alternativen im Gegensatz zum logischen, vertikalen Denken), was für die Lösungssuche von Problemen zu einer Bereicherung werden kann.
  • Die Konzentration auf den schöpferischen Prozess bringt den Gestaltenden mit unbewussten Ressourcen und Fähigkeiten in Verbindung. Gleichzeitig konfrontiert der Gestaltungsprozess mit den eigenen Grenzen, so dass ein realistisches Bild der eigenen Persönlichkeit gefördert wird.
  • Schöpferisches Arbeiten hat psychohygienische Wirkung und erzeugt nach einer Phase des "Durchkämpfens" Gefühle von Sinnhaftigkeit, Wohlbefinden und Zufriedenheit. Es hat "Ventilwirkung". Angestauter Druck und Aggressionen können auf einem 'Nebenschauplatz' erfahren, geübt und ausgelebt werden.
  • Meditative Kunstformen (Klang, Farbe, Bewegung) entspannen und tragen zur Stressbewältigung bei.
  • Der künstlerische Prozess involviert die gesamte Persönlichkeit, bringt sie in Bewegung und trägt zu ihrer Harmonisierung und Stabilisierung bei.
  • Durch die neuen Erkenntnisse aus der Neurobiologie wissen wir, dass das künstlerische Gestalten, im praktischen wie im imaginativen Tun, im Gehirn neue Spuren legen und die Plastizität des Gehirns nachhaltig verändern kann.